Jugendweihe in Niedersachsen

  

125 Jahre Jugendweihe in Hannover - Ein Rückblick

Von der Jugendweihe zur JugendFEIER

Vor ca. 160 Jahren wurde in Deutschland die erste Jugendweihe gefeiert. Das belegen Dokumente aus der Zeit der bürgerlichen Revolution um 1848. In Hannover so ergab eine wissenschaftliche Auswertung Ende der 70er Jahre ist die erste Jugendweihe im Jahr 1886 nachgewiesen. Ein Sprecher aus Magdeburg hielt damals die Festrede. Vermutlich wurde sie hier auch vorher schon gefeiert, doch alle örtlichen Unterlagen wurden nach dem Verbot durch die Nazis im III. Reich vernichtet.

In den Jahren nach 1886 waren es Verbände mit verschiedenen Namen und mit unterschiedlichem Rechtsstatus, die die Feiern organisierten: Freireligiöse Gemeinde, Freidenkerverband, Freie Humanisten. Die Kontinuität stellten die Menschen dar, die in diesen Organisationen tätig waren und die Überzeugungen, die sie verband. Sie bemühten sich über Jahrzehnte hinweg, ihre freie, nicht-religiöse Lebensauffassung gegen alle gesellschaftlichen Widrigkeiten zu verteidigen und zu entwickeln. Auch heute beinhaltet die Feier noch all das, was sie schon in den vergangenen Generationen auszeichnete:

- das Angebot einer würdigen nicht-religiösen Alternative zu Konfirmation und Kommunion
- das Aufgreifen eines gesellschaftlichen Bedürfnisses
- die zeit- und lebensnahe Umsetzung von Feierlichkeit für junge Leute
- die Wahrung der auf die bürgerliche Freiheitsbewegung um 1848 zurückreichenden, langen Tradition

Die Zeit während des Verbotes durch die Nazis war besonders schlimm. In jenen Jahren veranstalteten wir im Untergrund, bedroht durch die allgegenwärtige Gestapo, im privaten Kreis - durch unsere ehrenamtlichen Sprecherinnen und Sprecher unsere Jugendweihen. Sie waren für uns Humanisten immer auch ein Zeichen von Freiheit, von Bewahrung unserer eigenen Festkultur, von Widerstand leisten gegen Unterdrückung und Willkür. Wir stehen zu unseren freiheitlichen Idealen und lassen sie uns nicht nehmen, war ein Leitspruch unserer Vertreter in jener schweren Zeit.

Tausende von hannoverschen Kindern erhielten dann nach dem Kriege wieder im Kuppelsaal der Stadthalle, in der Niedersachsenhalle oder in anderen repräsentativen Gebäuden der Landeshauptstadt ihre Jugendweihe - über Jahrzehnte hinweg belastet durch die schwere Hypothek: "Sozialistische Jugendweihe in der DDR". Wie überall im Westen Deutschlands wurden mit diesem Zerrbild der ursprünglichen Jugendweihe-Idee Stimmungen gegen unsere freien, traditionellen Jugendweihefeiern erzeugt. Die Teilnehmerzahl ging erheblich zurück und konnte den Stand jener Zeit bisher noch nicht wieder erreichen. Die Kirchen nutzten über lange Zeit die allgemeine Stimmung und polemisierten gegen die konkurrierenden Angebote, denen sie inhaltlich nicht beikommen konnten.

Als Reaktion gegen diese Widrigkeiten - und mit dem leisen Zweifel im Hinterkopf, ob der Begriff "Weihe" tatsächlich noch dem entspricht, was den Inhalt der Feierstunde ausmacht - beschloss der niedersächsische Verband im Jahre 1988: Die Feierstunde der Humanisten für die Jugendlichen wird in "Humanistische Jugendfeier" umbenannt. Der Name wurde bundesweit übernommen und heute wird die Jugendfeier deutschlandweit für Tausende von Jugendlichen durch uns und unsere Partnerverbände durchgeführt.

Wir haben dem überlieferten Charakter der Feierstunde mit der Form einer Emanzipationsfeier für junge Leute neuen Inhalt und neuen Schwung gegeben. Von uns Humanisten wird diese Feier ausdrücklich als nicht-religiöse Alternative zur Konfirmation und Kommunion angesehen.

Alle humanistischen Werte, die die Grundlage unserer freien, weltlichen Lebensauffassung sind, lassen wir in unsere Feier und deren Vorbereitung einfließen. Dazu zählen für uns:

-das eigenverantwortliche Handeln
-das Entwickeln eigener Werte 
-das Eingebundensein in soziales Miteinander
-das Zeigen von Aufrichtigkeit und Zivilcourage
-die Bewahrung von Toleranz und Respekt gegenüber Andersdenkenden 
-die Erkennung von Friedfertigkeit als Grundvoraussetzung unserer Demokratie
-die Herausbildung eines eigenen Selbstwertgefühls

In den vorbereitenden Kursen ebenso, wie in der Feier, möchten wir erreichen, dass die Jugendlichen - die uns von ihren Eltern anvertraut werden - eine Unterstützung für ihren weiteren Lebensweg erhalten. Ihnen wird vermittelt, dass sich in ihrem jungen Leben gerade ein Wandel vollzieht. Sie erfahren, worin er besteht und dass sie künftig - mit mehr Eigenverantwortung und Selbständigkeit als je zuvor in ihrer Kindheit - Schritt für Schritt an der Gestaltung ihres eigenen Lebens mitwirken.

Wir hannoverschen Humanisten - bundesweit dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) angeschlossen - streben eine weiter zunehmende Anerkennung und Respektierung von Jugendweihe und Jugendfeier als gleichwertige Alternative zu den entsprechenden christlichen Feiern an. Unsere Feierstunden sind nicht einfach nur Feiern, damit die Jugendlichen auch ihre Geschenke bekommen können. Genauso, wie jungen Christen in ihren Feierstunden und in der Zeit davor Inhalte vermittelt werden, wollen wir den uns anvertrauten Jugendlichen ein Rüstzeug für ihre Zukunft mitgeben. In der Kombination von Freiheit und Verantwortung und in einer jungen modernen Form des gemeinsamen Feierns liegt unser Ziel. Wir werden es mit Stolz und Selbstbewusstsein weiter verfolgen.

Für uns Humanisten hat die Jugendfeier frei zu sein von parteipolitischen Inhalten. Sie muss geprägt sein von philosophischen und zugleich lebensnahen Gedanken und Überzeugungen. Immer eingebunden in die Lebenssituation unserer jungen Leute. Gerade vor dem Hintergrund der Benutzung der Jugendweihe als politisches Instrument der roten Machthaber der DDR, erwächst für uns auch künftig die Verpflichtung, die Ungebundenheit unserer Feier an politische Ideologien wie bisher zu pflegen. Wenn wir in unseren Feierstunden gelegentlich auch Politiker zu Wort kommen lassen, dann unter der Auflage, ihre parteipolitische Herkunft zu diesem Anlass hintan zu stellen. Sie sollen etwas von dem, was sie als Mensch und Volksvertreter repräsentieren, an unsere Jugend weiter geben. Keine parteipolitische Polemik und keinen Wahlkampf. Darauf legen wir Wert. Und dafür stehen wir ein.

Wir wünschen uns, dass unsere Feiern künftig durch alle Teile der Gesellschaft respektiert und als Teil der deutschen Kultur gewürdigt werden. Und wir versprechen, dass wir uns mit allem Nachdruck - wie schon bisher in unserer langen Tradition - mit Leidenschaft und allen unseren Kräften verantwortungsvoll für unsere Jugend einsetzen werden. Wir wollen ihnen das mit auf ihren Lebensweg gehen, was für jeden Einzelnen von uns die Grundlage unseres Lebens ist.

Jürgen Gerdes (Landessprecher der Freien Humanisten Niedersachsen)